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  • David Walsh

Index 7: Im Schatten von Social Design – "Little Sun" als Fallbeispiel

Spätestens seit der Konzernverantwortungsinitiative ist klar: Eindrucksvolle 50.7 Prozent der Stimmbeteiligten wollen Verantwortung für die Auswirkungen unserer Wirtschaftsweise übernehmen, auch wenn diese oft fernab unserer Lebensrealität zutage treten. Im Industriedesign stellt sich die Frage nach einer verantwortungsvollen Konsumkultur ebenfalls, da industriell gefertigte Massenprodukte häufig über verschiedene Stationen auf dem ganzen Globus verteilt hergestellt werden. Eine Auseinandersetzung, die sich unter anderem im Begriff „Social Design“ widerspiegelt. Unser Gastautor David Walsh nahm ein Projekt im Zeichen von Social Design einmal genauer unter die Lupe. Wir danken ihm ganz herzlich dafür und wünschen euch viel Vergnügen bei der Lektüre!


Zum ersten Mal sah ich die Solarleuchte Little Sun an der Social Design-Ausstellung 2018 im Museum für Gestaltung in Zürich. An einem Gerüst aus Dachlatten hingen unzählige kleine gelbe Kunststoffscheiben, welche mich formal an die Karikatur einer Sonnenblume erinnerten. Als ich eine in die Hand nehmen wollte, sprang die Museumsaufsicht dazwischen und machte mich in einer unangenehmen Lautstärke auf das Schild „Bitte nicht anfassen” aufmerksam. Na ja, die hellste Idee wars nicht. Die zweite Begegnung mit der Leuchte hatte ich 2020 im Kunsthaus Zürich, an der Ausstellung „Symbiotic Seeing”, welche eine Auswahl von Olafur Eliassons Werken präsentierte. Beim Verlassen der Ausstellung sah ich eine Gruppe Rentner, alle mit einer Little Sun ausgerüstet, die verdunkelte Ausstellung betreten. „Vielleicht eine gute Allegorie zum Produkt”, dachte ich mir, „alte Mitteleuropäer:innen, die mit einer Taschenlampe einen dunklen Raum zu erhellen versuchen.”


Das Projekt Little Sun wurde 2012 von Olafur Eliasson und Frederik Ottesen initiiert. Ihr Ziel war, mittels einer portablen solarbetriebenen Leuchte den Bevölkerungsanteil Äthiopiens mit Licht zu versorgen, welcher ohne elektrische Versorgung auskommen muss. Laut eigenen Aussagen (Little Sun, 2020) möchten sie mit ihrem sozialen Geschäftsmodell saubere, verlässliche Energie anbieten und damit ein Bewusstsein für Energieversorgung und Klimaschutz schaffen. 2017 gründete Olafur Eliasson ergänzend zum Produkt die Little Sun Foundation. Deren Ziel ist die Leuchte in noch grösserem Massstab verteilen zu können. Sie fokussiert sich dabei besonders auf Schulen sowie Menschen, welche direkt von einer Naturkatastrophe betroffen sind. Mittlerweile hat sich das Projekt auf den gesamten subsaharischen Raum ausgeweitet, wobei vor Ort Verkaufspersonal ausgebildet wird, welches die Little Sun unter die Leute bringt.


Finanziert wird dieses Unternehmen folgendermassen: Bei jedem Kauf einer Little Sun wird eine zweite mitfinanziert, die zu geringerem Preis im globalen Süden angeboten werden kann. Dabei ist es den Initianten wichtig, den Preis für die Bedürftigen so niedrig wie möglich zu halten, da der Zugang zu Energieversorgung meist mit beschränkten finanziellen Möglichkeiten zusammenhängt. Das Projekt könnte man dem diffusen Begriff «Social Design» zuordnen. Es agiert in einem Spannungsfeld zwischen sozialer Verantwortung, ethischer Haltung und den Grenzen des Machbaren.


Little Sun verfolgt sicher hehre Ziele, doch wirft die Umsetzung ein paar Fragen auf. In einem Interview erzählt Eliasson von einer Nutzerin, welche erklärte das „hässliche Ding“ nicht tragen zu wollen, da sie sonst von ihren Nachbarn ausgelacht werde (Welt, 2015). Die ästhetische Aussage des Objekts hatte also eine Auswirkung auf die Interaktion mit ebendiesem. Es stellt sich die Frage, wie die gestalterische Entscheidung auf eine solche Karikatur fiel. Wie würden wir hierzulande reagieren, wenn uns jemand eine gelbe Plastiklampe in Form einer Sonnenblume andrehen wollte? Was bedeutet dies im Lichte internationaler Entwicklungszusammenarbeit? Ich schöpfe den Verdacht, dass es bei der Entwicklung dieses Produktes gar nicht primär um die Bedürfnisse der Nutzenden ging, sondern viel mehr um die Erschaffung eines aussagekräftigen Symbols, welches sich gut in die Narrative des Marketings einfügt.


Zurück zur besagten Besitzerin einer Little Sun. Der Grund, warum ihre Nachbarn sie mit der Leuchte gesehen haben, ist vermutlich, dass sie diese um den Hals trug. Das ist so vorgesehen, da man sie an der Sonne aufladen muss, um am Abend von der gewonnenen Energie profitieren zu können. Doch wieso sollte man diese eigentlich um den Hals tragen, um sie aufzuladen? Gäbe es nicht unzählige Varianten, wie man dies angenehmer lösen könnte? Oder würdet Ihr gerne den ganzen Tag mit einer Plastiksonne um den Hals spazieren gehen? Was, wenn man im Innenraum arbeitet? Was, wenn man schwere körperliche Arbeit verrichtet? Ist sie da nicht ständig im Weg? Der Entwurf scheint sich nicht wirklich an der Lebenswelt des Zielpublikums zu orientieren. Denn genau an Orten, wo materielle Besitztümer knapp sind, ist das „Zurschautragen“ um den Hals ein denkbar gewagtes Vorhaben. Etwas bösartig könnte man gar vermuten, dass dahinter mehr marketing-technische als praktische Überlegungen stecken.


Das Produkt wird zurzeit in China produziert und fixfertig geliefert. Wieviel beispielsweise äthiopische Zwischenhändler:innen verdienen ist unklar, ebenso, ob eine kaputte Little Sun lokal repariert werden kann. Es findet keinen Wissenstransfer statt, welcher die Betroffenen ermächtigt, sich ihrer Probleme selbst anzunehmen. Stattdessen zementiert es wirtschaftliche Abhängigkeiten und die „Bedürftigen“ aus dem globalen Süden sind auf „Gönner:innen“ aus dem globalen Norden angewiesen. Das Projekt scheint nicht darauf ausgerichtet, die Bevölkerung vor Ort in die Wertschöpfungskette zu integrieren, es ist ein exklusives Produkt. Eine Vorgehensweise, welche nicht meiner Vorstellung von „sozialem“ Design entspricht. Wünschenswert fände ich einen Ansatz, welcher sich mehr an Entwicklungszusammenarbeit als an Entwicklungshilfe orientiert.


Folgend, ein paar interessante Projekte im Kontext von „Social Design“. Zur Inspiration und Diskussion:


Quinta Monroy Siedlung von Alejandro Aravena in Chile. https://www.moma.org/interactives/exhibitions/2010/smallscalebigchange/projects/quinta_monroy_housing.html


Eine laufende Ausstellung mit diversen online Events die auf Enzo Maris Werke zurückblickt, wie beispielsweise die Möbelserie «Autoprogettazione»

https://triennale.org/en/events/enzo-mari-curated-by-hans-ulrich-obristwith-francesca-giacomelli


Diébédo Francis Kéré – ein Architekt, der Projekte in sozialer Zusammenarbeit ausführt: https://www.archdaily.com/924516/rethinking-history-new-architecture-in-burkina-faso


von David Walsh


Quellenangaben:


• LittleSun GmbH (2020). Abgerufen unter: https://littlesun.com/about/

• Tölke, Andreas (04.06.2015). «Hässliches Ding» soll Afrika und Asien erleuchten. Abgerufen unter: https://www.welt.de/icon/article141912367/Haessliches-Ding-soll-Afrika-und-Asien-erleuchten.html

• Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (2020). Entwicklungszusammenarbeit. Abgerufen unter: https://www.bmz.de/de/service/glossar/E/entwicklungszusammenarbeit.html



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