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  • Smilla Diener

Index 6: Designen vom Bett aus

Das Bett ist zum Schlafen da. Morgens wird es gemacht und je nach Geschmack mit einer Tagesdecke bedeckt, bis abends wieder darin eingekehrt wird. Das war einmal. Seit dem Wechsel ins Homeoffice wird jegliche Fläche zwischen den eigenen vier Wänden ausgenutzt, und so wird auch das Bett zu etwas mehr als dem Polster, auf dem man schläft. Was bedeutet das?



Winter 2020, Homeoffice. An diesem recht miesen Abstimmungssonntag sitze ich an meinem Schreibtisch und stiere in meinen Bildschirm. Ich versuche mich auf meine nächsten Aufgaben zu konzentrieren, schiele erst auf meine immer länger werdende To-Do-Liste links und dann sehnsüchtig auf das Bett rechts von mir. Ich plane die kommende Woche: Ein voller Kalender leuchtet mir aus dem Laptop entgegen. Es steht viel an. Und doch werde ich den grössten Teil meiner Aufgaben von diesem Schlafzimmer aus erledigen: Zwischen Nachttisch und Arbeitspult beantworte ich Mails, schaue Vorlesungen, entwickle Entwürfe, schreibe Texte und lese Stoff für die nächste Arbeit.

Ich habe mich wieder eingelebt im Homeoffice. Morgens stehe ich auf, gehe aus meinem Zimmer, braue mir in der Küche einen Kaffee, um ihn dann in meinem Zimmer bei der ersten Arbeit des Tages zu trinken. Das Zimmer verlasse ich nur noch für kurze Ausflüge in die Küche und ins Bad.


Meinen Laptop, das Telefon, Schreib- und Zeichenmaterial: Mehr brauche ich nicht, um all die anstehenden Aufgaben vom Schreibtisch aus zu erledigen. Mit der Zeit verlagert sich aber mehr und mehr meines Materials auf den Teppich am Boden, Notizen wandern an die gegenüberliegende Wand und Lehrbücher bleiben auf dem Nachttisch liegen. Einige Vorlesungen habe ich angefangen, im Bett zu schauen. Muss ich spät abends noch Texte überarbeiten, mache ich das lieber eingewickelt in meine Decke. Diese Ausbreitung passiert automatisch – alle Flächen meines Raumes werden möglichst vielseitig und somit effizient genutzt.


Aber was bedeutet das, wenn sich der Arbeitsplatz auf das Bett ausbreitet? Oder umgekehrt; Wenn sich das Bett zum Arbeitsplatz gesellt? Ich sitze immer noch am Schreibtisch, aber das Bett ist wirklich verlockend nahe.

Schaue ich mich (über Zoom) in meinem Umfeld um, lässt sich feststellen, dass das Bett integraler Bestandteil des zeitgenössischen Student:innenlebens geworden ist: Im Bett wird gelernt, gelesen, gearbeitet, studiert.


Meine Beobachtungen treiben mich in die Recherche: Auf Betten schläft der Mensch, seit er seinen nomadischen Lebensstil abgelegt hat. Erst auf Stroh, Spreu und Schilf, dann auf Federn. Heinrich Westphal inspirierte sich 1871 an Federkernpolstern in Sesseln und erfand die Federkernmatratze, indem er die taillierten Federn an ein gusseisernen Bettrahmen befestigte. Diese wurden Anfangs 20. Jahrhundert zur weitest verbreiteten Matratze weltweit.[1] Heute ist das meistverkaufte Bett des Einrichtungskonzerns IKEA das Modell MALM, ein einfaches Gestell aus laminierten Spanplatten mit hohem Kopfende. Ich werde langsam müde. Betten werden für möglichst hohen Schlafkomfort designt. Der Luxusbetthändler Hästens spricht von einer «Leidenschaft für den Schlaf»[2], doch damit ignoriert er eine unabwendbare Realität: Betten werden heute nicht mehr nur in der Nacht genutzt, sondern dienen tagsüber als Sofa, Kuschelecke, Fernsehstube und werden abwechslungsweise zum Arbeitsplatz: Der Laptop auf den Oberschenkeln, Textseiten und vollskizzierte Blätter verbreiten sich auf den Polstern und zwischen den Kissen. Im Schlafzimmer wird längst nicht mehr vorwiegend geschlafen.


Ein Raum in dem gearbeitet, ein Hobby ausgeübt, gegessen und getrunken und von Zeit zu Zeit geschlafen wird, erfordert neue Einrichtung. Ich arbeite am Tisch, auf dem Teppich, im Bett. Ich erhole mich auf dem Teppich, am Fenster, im Bett. Sind diese Unterteilungen noch zeitgemäss? Vielleicht löst sich die strenge Trennung zwischen Tisch, Stuhl, Sessel, Teppich und Bett auf, Hybride entstehen, das Schlafzimmer wird zum Loungezimmer, das Bett ersetzt durch ein dreidimensionales Gebilde aus Arbeitsflächen, gemütlichen Polstern und Ablagen. Eine «Fantasy Landscape», wie sie Werner Panton für 1970 für die Visiona 2 entwarf. Das Bett ist nicht mehr Bett, der Arbeitstisch rutscht in die Polster, die Grenzen wurden der traditionellen Wohnlandschaft enthoben. Wie sieht das Schlafzimmer der Zukunft aus?


von Smilla Diener



[1] https://sleep.report/who-invented-the-bed/ (29.11.20) [2] https://www.hastens.com/de/schlaf (30.11.20)



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