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  • Géraldine Waespi

Index 23: Ein Kunstrasen und die Sehnsucht nach der Natur

Im Jahr 1970 entwerfen die drei Architekten Giorgio Ceretti, Pietro Derossi und Riccardo Rosso unter dem Pseudonym „Gruppo Strum“ den Pratone. Das Sitzobjekt in Form eines überdimensionierten Rasenteppichs (il prato – italienisch „die Wiese“) besteht vollständig aus Polyurethanschaum und wurde in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Gufram hergestellt. Eigener Aussage zufolge haben die Designer in ihrem Entwurf „mit Gras als Verweis auf Biologisches und dem künstlichen, menschengemachten Material zwei gegensätzliche Mysterien“ miteinander verbunden. Dabei entstanden ist ein Objekt, in dem Kunst und Design sich treffen – ein Entwurf, der zu einem Symbol des Radical Design wurde.



Mit ihren Entwürfen protestieren die Vertreter des Radical Design gegen den Funktionalismus und erklärten die Versprechen der klassischen Moderne als gescheitert. Ihre Argumentation umfasst unterschiedliche Gründe. Sullivans Leitsatz „Form follows function“ suggeriert eine Neutralität der Funktion. Doch wenn ein Produkt ökonomisch konkurrenzfähig sein soll, hat es sich nach den Kriterien des Marktes zu richten. Der Markt hingegen formuliert eigene Kriterien, um die Funktion zu bewerten. Und da er stark von gesellschaftlichen Entwicklungen und Strukturen beeinflusst wird, ist er nicht neutral, sondern politisch oder ideologisch geprägt. Dieses Verständnis der Funktion als Logik der Gestaltung, das kein Raum für Witz und Individualismus liess, führte ausserdem zu einer Entfremdung, Kälte und einem Design, das in hohem Masse unpersönlich war. Daraus hervor geht der Anspruch, Design als mehr als nur ein Mittel zur Zweckerfüllung zu verstehen und vielmehr den Menschen mit seinen Träumen und Sehnsüchten ebenfalls als Teil der Funktion zu begreifen.


Form Follows Fun


Auf diese Ausgangslage reagieren die Architekten und Gestalter des Radical Design indem sie in ihren bunten Entwürfen bewusst nach Trivialität und Spontanität suchen – Sullivans berühmter Leitspruch „Form follows function“ wird abgekürzt, es gilt: „Form follows fun.“ Sie bedienen sich an den Elementen unterschiedlicher Epochen und Stile, um diese neu zu kombinieren, und brechen bestehende Konventionen. So auch die Gruppo Strum mit ihrem Sitzobjekt, das einem vergrösserten Stück Rasen ähnelt. Es hat eine quadratische Grundfläche mit einer Seitenlänge von 140  cm. Auf ihr reihen sich 42 Grashalme, die jeweils um 90 Grad gedreht stehen und von Hand befestigt werden: Nach Angaben des Herstellers nimmt die Fertigung eines Pratones fünf Wochen in Anspruch. Das ganze Objekt wird aus Polyurethan gefertigt, hat eine Höhe von 95  cm und wiegt stolze 61  kg. Auch wenn sie schwer zu bewegen sind, können einzelne Pratones dank ihrer geschwungenen Grundfläche zu einem grossen Rasenteppich zusammengeschoben werden.


Die Sehnsucht nach der Natur


Die Aussage der Designer, nach der sie das Gras als Verweis auf die Umwelt aus einem synthetischen Material produzieren, kann auch als Kritik an der Sehnsucht nach der Natur verstanden werden, die in den 1960er-Jahren durch die Hippiebewegung populär wurde.[1]

Aus heutiger Sicht eröffnet sich dadurch eine spannende Diskussion in Bezug darauf, wie im Namen der Nachhaltigkeit immer wieder natürliche Materialien verwendet werden, um Produkte herzustellen, bei denen eine solche Materialwahl grundsätzlich wenig Sinn ergibt. Bambusfahrräder, deren Oberflächen abschliessend mit Lacken und Kunstharzen behandelt werden beispielsweise. Hier stellt sich die Frage, inwiefern es notwendig ist, die Natur allen Produkten – teilweise zwanghaft – überzustülpen und damit eine Natürlichkeit respektive Nachhaltigkeit zu suggerieren, die grundsätzlich nicht gegeben ist: Was heisst schon natürlich?


Pratone der "Gruppo Strum" und Gufram, 2016



Zwischen Kunst und Design


Der Funktionalismus förderte die Ansicht, dass die Funktion eines Gegenstandes objektiv herleitbar sei. Das Design entzieht sich dadurch zumindest hypothetisch einer gewissen Subjektivität, die eher der Kunst zugeordnet wurde.[2]

In dieser Hinsicht spannend ist die Auseinandersetzung mit den Gestaltungsideen des Radical Design, denen nachgesagt wird, dass entsprechende Entwürfe zu Mischformen der Kunst und des Designs führten.

Ein zentraler Punkt in der Debatte zur Trennung zwischen Kunst und Design bezieht sich auf die Rolle der Gestalter:in: Die Frage lautet, inwiefern Designer:innen Dienstleister:innen und nicht Künstler:innen seien. Stark heruntergebrochen lässt sich vielleicht sagen, die Aufgabe des Designs sei es, Fremdes vertraut erscheinen zu lassen, während es die Aufgabe der Kunst sei, Vertrautes zu verfremden. Mit dem Pratone bedient sich die Gruppo Strum visuell an der Referenz einer Wiese, skaliert diese hoch und betitelt sie anschliessend als Sitzobjekt. Dieses Objekt fordert seine Nutzer:innen zu einer unvoreingenommenen Herangehensweise auf; es gibt keine richtige Sitzposition, anhand deren der Pratone entworfen wurde. Wie trete ich an das Objekt heran, wie nutze ich es, und ist der Pratone als Sitzobjekt überhaupt geeignet?

Wie gut der Pratone den Kriterien einer Sitzgelegenheit nachkommt, ist vielleicht gar nicht so wichtig: Die Gruppo Strum verfremdet das Möbelstück „Stuhl“ und parodiert gleichzeitig das mir bekannte Sitzen auf dem Rasen. Aus heutiger Sicht lässt sich diese Persiflage ausdehnen: Die Absurdität, mit dem Pratone einen Verweis auf die Natur zu machen und das Objekt gleichzeitig vollständig aus einem Material herzustellen, das eine so hohe Umweltbelastung darstellt, kann heute als Kritik im Umgang mit dem allgegenwärtigen Green-washing gelesen werden.



von Géraldine Waespi



 

Weiterführendes:


gufram.it


[1] Vitra Design Museum, Pratone/Big Meadow, Fulvio Ferrari: Pratone, Verkaufsbroschüre, o. J. [ca. 1970], o. S. collectionon-line.design-museum.de/#/de/object/41949?_k=z21j94, zuletzt aufgerufen am 20.04.22. [2] Erlhoff, Michael et al. Wörterbuch Design: Begriffliche Perspektiven des Design. Basel/Berlin/Boston: Walter de Gruyter GmbH, 2007. Print. Funktionalismus, S.157


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