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  • Moritz Gysi

Index 20: Bauen für die Zukunft

Während seinem Praktikumsjahr konnte Moritz einen Blick in das weite Feld der Architektur werfen. Auch da ist ökologische Nachhaltigkeit ein drängendes Anliegen. Er hatte die Gelegenheit ein Projekt zu verfolgen, welches sich dieser Herausforderung annimmt.

Auf dem Siblinger Randen, einem Juraausläufer im Kanton Schaffhausen, wird die alte Scheune eines Bauernhofes durch einen Neubau ersetzt. Dieser wird neben dem öffentlichen "Randenraum" mit viel Platz für Bildung und Kultur auch zwei Wohnungen umfassen. Die Genossenschaft "Siblinger Randen", treibende Kraft hinter dieser Neugestaltung, legt grossen Wert auf eine lokal verwurzelte und nachhaltige Bauweise. Wie das funktionieren kann, erklärt This Alder von dem mit der Planung beauftragten Architekturbüro bölsterli hitz gmbh.

Moritz: Der Bausektor verursacht laut dem Bundesamt für Umwelt einen knappen Viertel der Schweizerischen CO₂ -Emissionen.[1] Wie kommt es dazu?


This: Die Art wie wir Bauen und Wohnen ist sehr energieintensiv. Häufig wird noch intakte Bausubstanz eingerissen und durch Neubauten ersetzt. Sanierungen gibt es zu selten. Das ist nicht sehr energieeffizient, Baumaterialien sind eigentlich etwas sehr Kostbares. In Beton steckt sehr viel Energie, die für die Herstellung von Zement und Stahl gebraucht wird. Ein Kubikmeter Beton emittiert dadurch eine halbe Tonne CO₂[2]. Zum Vergleich: Der durchschnittliche CO₂-Ausstoss pro Kopf liegt in der Schweiz bei 14 Tonnen pro Jahr[3].


Was spricht denn gegen Sanierungen?


Eine Sanierung braucht zwar weniger Energie und Material, ist aber oft teurer als ein Neubau. Sorgfältige Eingriffe in bestehende Gebäude sind aufwändig. Dafür muss der Bestand genau analysiert werden und auf viele neue Anforderungen an beispielsweise Brandschutz, Akustik und Wärmedämmung angepasst werden. Auch gibt es auf Seiten der Handwerker:innen mehr Spezialarbeiten als bei einem Neubau, wo man nach einem Standard bauen kann.


Schlussendlich kommt es aber darauf an, wie man die Kosten definiert. Ein Neubau benötigt im Gegensatz zu einer Sanierung mehr Energie, verursacht also mehr CO₂-Emissionen. Das ist ein Wirtschaften auf Pump mit einem Schuldenberg in Form des Klimawandels. Wenn wir dies ignorieren, müssen künftige Generationen bezahlen.


Wie könnte eine Bauweise aussehen, die auch künftige Generationen berücksichtigt?


Ein Haus durchläuft verschiedene bauliche Stationen: Zu Beginn steht die Erstellung, dann folgen Umbauten und Sanierungen und zuletzt kommt es zum Abbruch. Zwischen diesen Stationen kann es benutzt werden und befindet sich im Betrieb.


Je nach Bauweise benötigt das Haus mehr oder weniger Energie, um diese Stationen zu durchlaufen. Im Fall des "Randenzentrums" stehen wir ganz am Anfang, bei der Erstellung. Ein Umbau kam nicht in Frage, weil die Bausubstanz der alten Scheune nicht mehr brauchbar war. Schon gar nicht für den Bau eines modernen Wohnhauses.


Bei der Erstellung kommt es darauf an, welche Materialien verwendet werden. Holz zum Beispiel muss zwar getrocknet werden, ist aber im Vergleich zu Zement, der unter hohen Temperaturen hergestellt wird, sehr energieeffizient. Gleiches gilt für ungebrannten Lehm, der im Gegensatz zu gebranntem (etwa in Form von Ziegelsteinen), fast keine Energie verbraucht.


Das "Randenzentrum" wird darum zum allergrössten Teil aus Massivholz gebaut, welches sogar CO₂ speichert. In langlebigen Produkten verbaut, bindet dieses bis zu einer Tonne CO₂ pro Kubikmeter.[4] Geschlagen wurde das Holz im Siblinger Wald und später in einer nahegelegenen Sägerei verarbeitet. So können wir lokale Unternehmer:innen in die Wertschöpfungskette einbinden und kurze Transportwege garantieren.


Verwenden wir dennoch energieintensive Materialien, wie zum Beispiel der Beton für das Fundament, versuchen wir sie so sparsam wie möglich einzusetzen. Die Dachziegel der alten Scheune konnten wir dank dem Engagement vieler Genossenschafter:innen, welche diese gemeinsam gereinigt haben, zu einem Grossteil für den Neubau wiederverwenden. So konnte viel Energie gespart werden, denn die Ziegel haben ihr Lebensende noch lange nicht erreicht: Gewisse waren zwar schon gegen 100 Jahre alt, könnten aber bis zu 100 weitere überstehen, informierte mich ein Ziegelhersteller.


Das Ziel ist also energieintensive Materialien so zu verbauen, dass man sie später wiederverwenden kann…


Genau! Bauteilrecycling kann viel Energie sparen. Kein Haus ist für die Ewigkeit gebaut und so steht man irgendwann vor dem Entscheid: Renovation, Umbau oder gar Abbruch und Neubau? Dabei spielt die Bauweise des Hauses eine wichtige Rolle.


Man kann zwar nicht voraussehen, welche Anforderungen an ein Haus in 60 Jahren bestehen und wie die Menschen dann wohnen und arbeiten werden. Dennoch kann ein Haus so konstruiert werden, dass spätere Eingriffe möglichst einfach werden. Zum Beispiel indem die einzelnen Elemente ohne viel Aufwand demontierbar sind. Ziel dabei ist, dass sie bei Umbau- oder Abbrucharbeiten nicht zerstört werden müssen und dadurch eher eine Wiederverwendung finden.


Um dies zu erreichen werden alle Innenwände des "Randenzentrums" auf Sicht verschraubt und die Leitungen "aufputz" verlegt. Anstelle einer meist eingegossenen Bodenheizung installieren wir in den Wohnungen Radiatoren. So versteht man in Zukunft wie man das Haus ohne grossen Aufwand umbauen kann. Da müssen keine Wände eingerissen und Böden herausgespitzt werden. Je weniger vergossen und verklebt wird, desto einfacher ist der Rückbau.


In absehbarer Zeit wird also ein Stück Siblinger Wald in Form eines Hauses auf dem Randenweiler stehen. Was braucht es, damit solche Bauten Realität werden können?


Unser Konzept ist eigentlich nichts neues. Im Gegenteil, Massivholzbau ist eine uralte Technik mit reicher Tradition. Ebenso war eine Bauweise, die auf Rückbaufähigkeit achtet, von grosser Bedeutung als gutes Material noch knapp und teuer war. Heute sind diese Bauweisen aber leider in den Hintergrund gerückt und um sie wieder aufleben zu lassen braucht es einen grossen Einsatz von allen Beteiligten. Wir haben von einem regen Austausch mit motivierten Fachplaner:innen, versierten lokalen Handwerker:innen und einer innovativen Genossenschaft als Auftraggeberin profitieren können. Nur so konnten wir das Wissen zusammentragen, welches einen solchen Bau ermöglicht.


Darüber hinaus bin ich der Überzeugung, dass es genau solche Projekte braucht, um zu zeigen, dass man auch anders bauen kann. Dass alternative Techniken existieren. Denn das "Randenzentrum" ist fest mit der Region verwurzelt und wird mit dem öffentlichen Randenraum für alle zugänglich sein. So wird zukunftsgerechtes Bauen populär.


Abb 1: Modell Dachaufbau "Randenzentrum"

Abb 2: Modell Wandaufbau Randenzentrum

Abb 3: Modell Deckenaufbau "Randenzentrum"



von Moritz Gysi


[1]https://www.lignum.ch/weitere_themen_teaser/holz_hilft_das_klima_schuetzen/ Stand: 18.09.2021 [2] WWF Deutschland: Klimaschutz in der Beton- und Zementindustrie. Februar 2019 [3] https://www.bafu.admin.ch --> Wirtschaft und Konsum --> Indikator Treibhausgas-Fussabdruck Stand: 18.09.2021 [4]https://www.lignum.ch/weitere_themen_teaser/holz_hilft_das_klima_schuetzen/ Stand: 18.09.2021

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