• Smilla Diener

Index 2: Mehr Ehrlichkeit mit der eigenen Autorschaft

Wird unsere Disziplin als vermittelnde Dienstleistung verstanden, kommt der Begriff des Autorendesigns schnell in Verruf. Doch ist es überhaupt möglich, die eigene Autorschaft beim Gestalten aus der Gleichung zu nehmen? Was bedeutet es, Autor:in zu sein?

Smilla untersucht Neutralität versus Haltung und sinniert über die Vorteile einer reflektierten, pluralistischen Disziplin, die sich gar nicht immer einig sein muss. Ein Kommentar.

Es war Mitte Lockdown, als ich einer Zoom-Präsentation von Ani Liu beiwohnte. Die international ausstellende Künstlerin war zu Gast bei FIBI («for us by us» der Interaction-Design-Studierenden), und sprach über die Beziehung zwischen uns und den von uns gestalteten Gegenständen. Liu entwickelt explorative Arbeiten im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Recherche, Design und Kunst. Anhand ihrer eigenen Arbeiten illustrierte sie die Wechselwirkung zwischen der Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft und der Technologien und Designs, die diese hervorgebracht hat.

Eine ihrer zentralsten Erkenntnisse war folgende: Design ist nie neutral. Alles Gestaltete trägt die Handschrift derer, die es gestaltet haben. Und als Gestaltende stehen wir unweigerlich unter Einfluss. Treibende Faktoren wie Überzeugungen, Vorlieben und die Art und Weise, wie wir mit Information umgehen, sind massgebend durch unser Umfeld geformt. Was in einer Kultur selbstverständlich ist, ist in einer anderen bizarr – insofern gibt es in der Gestaltung von Objekten kein universelles Verständnis und somit auch keine universelle Zugänglichkeit.

Selbst wenn es für eine:n Designer:in möglich wäre, die zeitgenössischen Umstände absolut umfassend zu analysieren und anhand ihrer Analysen ein Design umzusetzen, sind die dafür getroffenen Gestaltungsentscheidungen eingeschränkt durch die Perspektive dieser einen Person. Ist diese Person einem westeuropäischen Kulturkontext anfangs einundzwanzigstes Jahrhundert angesiedelt, ist deren Arbeit unmittelbar davon geprägt. Ist die Person in einem grossen Familienhaushalt aufgewachsen, denkt und gestaltet sie anders als ein Kind aus dem Haus eines alleinerziehenden Elternteils. Der Blick und die Hand der Designer:innen sind stets geleitet von diesem individuellen Kontext.

Nun, was heisst das?


Es ist an uns, Wege zu finden, um aus Perspektivenunterschieden resultierende Missverständnisse zu umgehen. Dass es verschiedene Richtungen, Haltungen und Meinungen im Design gibt, ist wünschenswert. Diese Differenzen zwischen Gestalter:innen sind Basis für eine vielfältige Design- und Alltagskultur.

Damit sich aber ebendiese Unterschiede gegenseitig befruchten können, müssen sie expliziter benannt werden, ist es nötig, dass wir uns Zeit nehmen, unsere eigene Position auszuformulieren. Denn wie andere Forschungs- und Kulturdisziplinen hat auch das Design verschiedene Positionen, aufgrund derer für oder gegen etwas argumentiert wird.


Der Philosoph und Designtheoretiker Florian Arnold hat das Design mit der Philosophie verglichen und stellt fest, dass es Haltungen in den beiden Feldern gibt, die analog funktionieren. Er zieht Parallelen zwischen der Selbstgenügsamkeit des «Diogenes im Fass» und DIY-Bewegungen, dem Hedonismus und dem Luxusdesign, dem Skeptizismus und dem «Anti-Design» und beschreibt konformistische Designhaltungen als stoizistisch.[1]

Wie Arnold aufzeigt, bestehen im Design wie auch in der Philosophie verschiedene Haltungen nebeneinander: Widersprüchliche, individuelle Entwürfe einer gemeinsamen Welt existieren gleichzeitig. Erst durch das Sichtbarmachen der eigenen Haltung ermöglicht man anderen, daran teilzuhaben. Dies erhält einen Diskurs am Leben, der entscheidend ist für die Weiterentwicklung unserer Disziplin.

Die Gefahr des zurzeit limitierten Designdiskurses besteht also nicht darin, dass unterschiedliche Haltungen und Gestaltungsweisen nebeneinander existieren. Gefährlich ist, dass diese isoliert bleiben. Das zeigt ein gegenwärtiges Beispiel aus den USA.

Es war 2013, als Cody Wilson in einem YouTube-Video «The Liberator» vorstellte und die CAD-Daten der Handfeuerwaffe dem Internet frei zu Verfügung stellte. Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten 3D-Drucker in den Heimen einiger Enthusiast:innen angekommen und alle, die wollten, konnten sich mit einem leistungsstarken Drucker, etwas ABSplus-Kunststoff und einem Aluminiumnagel eine potentiell tödliche Waffe herstellen – völlig unkontrolliert und undokumentiert.

Von Waffenrechtler:innen zelebriert, flösste Wilsons’ Vorstoss einer Masse von Technologieoptimist:innen einiges an Angst ein. Der 3D-Druck, bisher gefeiert als das neue Do-It-Yourself-Werkzeug und Sinnbild für eine neue Ära der Personalisierung, wurde zu diesem Zeitpunkt ein erstes Mal eingeholt von der Realität des Gewaltpotentials einer (neuen) Technologie.[2]

«The Liberator» ist exemplarisch für den Fall einer naiv gemalten Utopie, getrübt durch eine gefährliche, aber reale neue Position. Wie Rob Walker im Sammelband «Design and Violence»[3] treffend beschreibt, hat Wilson den Traum von einer Zukunft, in der wir herstellen können, was immer wir wollen, wann immer wir wollen, nicht untergraben – er hat ihn annektiert.

Was es bei diesem Fall zu verstehen gilt, ist, dass eine euphorische, unkritische Szene gut Platz bot, damit sich eine Position wie die von Wilson überhaupt entwickeln konnte. Bis zu Wilsons «Liberator» hatte niemand damit gerechnet, wie destruktiv der 3D-Druck eingesetzt werden kann. Ein aber deutlich alarmierenderes Zeichen als die gutgläubige Ausgangslage für den verantwortungslosen Umgang mit dem gewaltigen Potential dieser neuen Technologie ist, wie seither mit Initiativen wie Wilsons umgegangen wird. Der Tenor der 3D-Druck-Kultur ignoriert sie weiterhin einfach – seine Vision entspricht nicht der fröhlichen Utopie der Tech-Enthusiast:innen.


Als wir unsere Einführung im 3D-Druck hatten, sprachen wir nur über die Vorteile und das positive Potential dieser neuen Technologie, unter der Annahme, dass die Technologie an sich neutral ist. Gehen wir weiter so unkritisch mit den Technologien, derer wir uns bedienen, um, wachsen Domänen wie Wilsons ohne Konfrontation abgekapselt weiter.

Darin liegt letztendlich die grösste Gefahr – nicht, dass verschiedene Haltungen zum Ausdruck gemacht werden, nicht einmal, dass vereinzelte gewaltlustige Gestalter:innen optimistisch angedachte Technologien waffenfähig machen, sondern, dass die «Halter:innen» der unterschiedlichen Haltungen kaum miteinander interagieren. Wer nicht auf Widerspruch stossen will, erklärt sich nicht, und muss so nicht über das eigene Handeln und Nicht-Handeln reflektieren. Resultat davon ist, dass sich die unterschiedlichen Parteien nicht verstehen und die jeweiligen ideologischen Blasen immer isolierter werden.

Deshalb ist es elementar für eine lebendige, vielfältige Designkultur, dass wir (angehende und etablierte) Designer:innen am Diskurs teilhaben, indem wir Position einnehmen und diese bekanntgeben. Was wir gestalten, ist nicht neutral. Die Art, wie wir mit Technologie umgehen, ist nicht neutral. Wir brauchen Designer:innen mit Profil, mit Meinung, mit einer sich entwickelnden Haltung. Wir brauchen Designer:innen, die sich ihrer Autorschaft bewusst sind. Ein:e zeitgemässe:r Designer:in vereint Subjektivität, Analysevermögen und positiven Gestaltungswillen. Ein:e zeitgemässe Designer:in weiss um ihre Fehlbarkeit.

Karl Popper schreibt in seinem Buch «Objective Knowledge: An Evolutionary Approach»: «Wir alle haben unsere Philosophien, ob wir uns dieser Tatsache bewusst sind oder nicht, und [...] die Auswirkungen unserer Philosophien auf unser Handeln und unser Leben sind oft verheerend.» [4]: Ähnlich verhält es sich mit unseren Gestaltungshaltungen. Selten disruptiv, meistens subversiv verändert unsere Gestaltung das Klima unseres beleb- und erlebbaren Raums, ob wir uns den Konsequenzen stellen oder nicht.

Es liegt an uns, streitbare Haltung einzunehmen und diese aneinander zu testen.

von Smilla Diener

Lektüreempfehlungen:

Ani Liu: Mind in the Machine

Design and Violence (MoMA)


[1] Florian Arnold: Philosophie für Designer. Stuttgart, avedition 2016, S. 40-55 [2] Nach dem die Veröffentlichung der CAD-Dateien der Pistole in den USA verboten wurde, hat das US-Justizministerium 2018 die Bereitstellung zum Download der Dateien bewilligt. Das Modell kann seither wieder auf offiziellen Seiten heruntergeladen werden. https://www.3dnatives.com/en/3d-printed-guns-legalised180720184/#! (2.10.20) [3] «He [Wilson] didn't subvert the dream of a future where we can all manufacture whatever we want, whenever we like – he hijacked it.» (S. 44) Paola Antonelli/Jamer Hunt, Design and Violence (MoMA). New York, The Museum of Modern Art 2015, S. 40-44 [4] Karl Popper, Objective Knowledge. An Evolutionary Approach, Revised Edition. London, Oxford University Press 1979. S. 33

Das war unsere Nr. 2! Gerne möchten darauf hinweisen, dass wir mit dem Index den Diskurs an unserer Hochschule und darüber hinaus anregen möchten.

Das funktioniert nicht ohne dich und wir würden uns sehr über deine Anregungen und kritische Kommentare zu unserem zweiten Beitrag freuen.

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