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  • Leonie Wetter

Index 18: Menopause – Menstruation – Magenta

Im August vergangenen Jahres traf unsere Gastautorin Leonie Wetter auf einen Begriff, den sie zuvor noch nie gehört hatte und sie seither nicht mehr losgelassen hat: Femtech. Nun teilt sie für Index ihre Eindrücke aus einem rasant wachsenden Gebiet, das insbesondere für das Design immer wichtiger wird.


Femtech steht für Female Technology. Femtech-Produkte und Services kümmern sich um jegliche Themen rund um die Frauengesundheit. Dies umschliesst Reproduktionsmedizin, Schwangerschafts- und Neugeborenen-Services, Becken- und Uterus-Gesundheit und allgemeine Frauengesundheit und Female Wellness[1].

Dazu gehören Produkte jeglicher Art: Perioden-Tracking Apps, digitale Beckenbodentrainer, portable Milchpumpen, Cervix Untersuchungsgeräte, Zyklusmessgeräte, eine App über Endometriose, portable Brust Ultraschall-Scanner zur Erkennung von Brustkrebs und viele mehr.

Obwohl die Zielgruppe gut die Hälfte der Menschheit ausmacht, wurde der Begriff Femtech erst 2016 von Ida Tin ins Leben gerufen. Sie ist die Gründerin der Zyklus-Tracking App Clue. Ihre Idee war es, den vielen neuen Produkten im Bereich der Frauengesundheit einen gemeinsamen Nenner zu geben. Einerseits, um diesen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, aber auch, damit Investor:innen Produkte dieser Kategorie einfacher betiteln können und sie so eher in ihre Portfolios aufnehmen.


Neben Zweifel am Begriff Femtech selbst (die angesprochenen Thematiken betreffen nicht nur Frauen, sondern auch nicht binäre Personen und Trans Männer) fällt auch Kritik, da er als neuer Ausweg dient, die Themen dahinter wie Menopause oder Unfruchtbarkeit nicht beim Namen nennen zu müssen. Das ist ein Problem. Über die meisten der von Femtech behandelten Themen wird heute noch nicht offen kommuniziert. Was alleine daran zu erkennen ist, wie viele Wege es gibt, über die Menstruation zu sprechen, ohne diese beim Namen nennen zu müssen.

Genau das wollen aber junge Femtech-Firmen ändern, mit ihren Produkten und indem sie offen über solche Themen sprechen.

Dem Thema Frauengesundheit soll die Aufmerksamkeit und Achtung geschenkt werden, welche es schon längst verdient hätte. Dabei werden unterschiedlichste Ansätze verfolgt. Einerseits auf persönlicher Ebene z.B. durch Zyklus-Tracking Apps, welche deren Benutzer:innen Wissen und damit Kontrolle über ihren Körper geben. Anderseits auch an medizinisches Personal gewandt: Ein Beispiel dafür ist die Firma Granville Biomedical, die 3D gedruckte, anatomisch korrekte Modelle von Vaginas herstellt. Diese dienen sowohl Frauenärzt:innen zur Demonstration, wie eine Menstruationstasse eingeführt wird, aber auch angehenden Ärzt:innen, um Operationen an der Vulva oder Vagina zu üben. Bisher wird dies oft an Kuhzungen, Orangenschalen oder Schwämmen geübt[2].


Raum für Entwicklung


Weltweit gibt es gut 200 Femtech-Start-Ups. 92% davon sind von Frauen gegründet und geführt[3]. Der Anteil aller Start-Ups mit mindestens einem weiblichen Gründungsmitglied liegt weltweit bei 20%[4].


Um mir einen Überblick über den bestehenden Femtech-Markt zu verschafft, habe ich die mir bekannten Produkte in folgenden Kategorien zusammengetragen:


Menstruation

Verhütung

Fertilität

Sexualität

Schwangerschaft

Stillen

Beckenboden

Menopause

Brüste

Allgemeine Gesundheit

Tests


Verschiedene Dinge fallen dabei auf: Die dominanteste Kategorie ist die der Fertilität. Um die Fruchtbarkeit einer Frau zu bestimmen gibt es unzählige Wege und Gadgets – vom klassischen Basalthermometer über Armbänder, Pflaster bis hin zu Atemtests.


Bei meinen Recherchen erkannte ich schnell Parallelen in der Farbgebung. Einige wenige Farben dominieren die Produkte und Corporate Designs der Firmen. Es handelt sich dabei nicht um die oft bei Produkten „für Frauen“ verwendeten Farben Magenta und Rosa. Diese sind durchaus auch anzutreffen, jedoch längst nicht so oft wie Violett, Türkis, Weiss und Pastellorange.



Abb1: Die am häufigsten verwendeten Farben bei Femtech-Produkten, Apps und Websites




Besonders innerhalb einzelner Kategorien machen sich bestimmte Farbmuster erkenntlich. Betrachtet man zum Beispiel das Angebot an Fruchtbarkeit- Messgeräten, ist die Mehrheit davon violett, weiss-violett oder weiss-blau. Ein anderes konkretes Beispiel sind die portablen Brustpumpen von Willow und Elvie. Sie gleichen sich sowohl in ihrer Form- wie auch Farbgebung erheblich.



Abb2.: Elvie Pump, via Website



Abb 3.: Willow Pump, via Website


Trotz der Ablösung des klischeebehafteten Pink entstehen eine neue Art Klischeebilder für diese Produktkategorien. Ich stellte mir daher die Frage: Wie sollen Designer:innen mit solchen Klischeebildern bei der Gestaltung von Femtech-Produkten umgehen?


Stereotyp und Vertrauen


Um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen, führte ich ein Interview[5] mit zwei Industrie-Designer:innen von Milani Design & Consulting AG in Thalwil Zürich; Evelyn Hausser und Jeremias Perren. Unter anderem macht Milani Projekte im Bereich Medical Design und auch einige Projekte aus dem Bereich Femtech sind dabei, darunter für Medela AG, ein grosses Unternehmen aus der Schweiz. Medela ist bekannt für ihre Brustpumpen.


Femtech Produkte sind tägliche Begleiter und werden oft sehr intim angewendet. Aus dem Gespräch ergab sich, dass gerade bei diesen Produkten Vertrauen eine entscheidende Rolle spielt und die Form und Farbgebung massgeblich beeinflusst.


Es soll einfach anzuwenden sein, es soll simplifiziert und intuitiv in der Anwendung sein, es darf nicht schmerzen, auch optisch nicht. Sterilität und Sauberkeit ist extrem wichtig bei Produkten dieser Art.

Und darum fällt die Wahl infolgedessen vielfach auf ein Weiss oder eher einen hellen Farbton. Eben genau aus diesem Grund, ergibt es keinen erkennbaren Grund, ein Zyklus-Messgerät in einem Baustellen-Grün zu designen.

Dies würde weniger dem Archetyp entsprechen, welchen Menschen gegenüber einem Zyklussmesser, beispielsweise, im Kopf haben.“, fasste Jeremias Perren zusammen.



Bei der Einführung neuer Farben ist es also immer ein Abwägen zwischen Neuem probieren und auf Bestehendes vertrauen. So meinte Evelyn Hausser:

„Man muss ein Bisschen darauf vertrauen, dass auch die stereotypischen Farben nicht einfach nur langweilig sind, im Sinne von „die benutzt ja jede:r in diesem Bereich“. Sondern das hat auch eine gewisse Daseinsberechtigung. Aber klar gibt es auch Bereiche, wo man aufmachen und mal gucken kann, wie weit können wir eigentlich gehen?“


Ein entscheidender Punkt für das Aussehen von Femtech-Produkten ist die Schnittstelle vom Medizin- zum Lifestyle-Produkt. Es gibt Produkte, die klar als Medizinalprodukte definiert werden, viele aber sind als tägliche Lifestyle-Begleiter ins Leben der Benutzenden integriert. Ein Beispiel dazu ist Grace Cooling. Ein Armband, welches Hitzewallungen der Wechseljahre früh erkennt und lindert. Dessen Gestaltung mit Leder und Metall erinnert stark an ein Schmuckstück, was es deutlich vom Klischeebild der Femtech-Produkte abhebt.



Abb 4.: Grace Bracelet von Grace Cooling, via Website



Vor dem Gespräch mit Evelyn Hausser und Jeremias Perren bin ich davon ausgegangen, dass Klischeebilder generell nichts Gutes sind und es sie zu vermeiden gilt. Jedoch merkte ich, dass das in der Theorie zwar leicht gesagt, in der Praxis aber nicht so einfach getan ist – und dass solche Klischees nicht immer ohne Grund existieren.


Klar wurde auch, dass es bei der Gestaltung von Femtech-Produkten die Grösse des Unternehmens eine wichtige Rolle spielt. Bei grossen, etablierten Firmen steht neuen Farben oft das Marketing im Weg, welches mit Verkaufszahlen für die Daseinsberechtigung stereotypischer Farben argumentiert. Start-Ups dagegen sind oftmals freier und offener gegenüber progressiveren Ideen.


Nicht nur dort gibt es Unterschiede zwischen grossen Unternehmen und Start-Ups. Für junge Unternehmende ist es schwierig, an Daten zur weiblichen Anatomie zu kommen. Die Entwickler:innen von Elvie hatten zu Beginn grosse Mühe, Daten zur Anatomie der Vagina für ihren Beckenbodentrainer zu finden. Etablierte Unternehmen wie Medela haben dagegen die Möglichkeiten und Ressourcen, um in die Forschung zu investieren und fehlende Daten selber zu erheben.


Wo liegt die Zukunft von Femtech?


Der Schlüssel zu einem selbstbestimmten, von Armut befreiten Leben für Frauen weltweit ist eine kontrollierte Familienplanung. Daher ist es wichtig, dass der Zugang zu Wissen und Beratung bezüglich Frauengesundheit alle Frauen gewährleistet ist. Ein Ansatz dazu sind zum Beispiel digitale Frauenkliniken (Bsp.: Tia), welche Zugang zu medizinischem Wissen und Beratungen geographisch unabhängig ermöglichen.

Potential liegt vor allem auch in bisher kaum oder zu wenig erforschten Gebieten wie der Endometriose. Rund jede zehnte Frau leidet an Endometriose, welche oft mit starken Schmerzen verbunden ist. Diese wird aber meist erst Jahre nach den ersten Symptomen diagnostiziert.


Der Bereich Femtech ist noch so jung und trotzdem gibt es eine unglaubliche Breite an Produkten mit faszinierenden, kreativen Lösungsansätzen dahinter. Gerade dadurch, dass der Markt ein noch kaum beschriebenes Blatt ist, hat es viel Platz für junge Start-Ups, die motiviert sind, mit ihren Ideen die Welt ein Stück zu ändern. Zudem gibt es aber auch einflussreiche Unternehmen, die von jahrelanger Erfahrung profitieren und gleichzeitig die Mittel haben, in Forschung zu investieren. Genau in dieser Mischung liegt meiner Meinung nach das Potenzial von Femtech.


von Leonie Wetter


[1] Mühlhausen, Corinna. Health Report 2020. Frankfurt, 2019. Zukunftsinstitut GmbH [2]https://open.spotify.com/episode/7d0dr1g7gg54I8HkVcTxT1?si=eweBnKz_RKOg_4Ze_feVSw [3] Yokoi, Tomoko. Forbes.com: Femtech: Going From Niche To Mainstream In 2021? 8.März 2021. https://www.forbes.com/sites/tomokoyokoi/2021/03/08/femtech-going-from-niche-to-mainstream-in-2021/ [4] https://www.statista.com/statistics/1221258/share-startups-at-least-one-female-founder/)). [5] Interview am 14. Dezember 2020, durchgeführt von Leonie Wetter mit Jeremias Perren und Evelyn Hausser


Abb 1.: digitale Illustration

Abb 2.: Elvie Pump. Screenshot von https://www.elvie.com/de-ch/shop/elvie-pump aufgenommen am 15.05.2021

Abb 3.: Willow Pump. Screenshot von https://shop.willowpump.com/pages/buy aufgenommen am 15.05.2021

Abb 4.: Grace Bracelet von Grace Cooling https://www.gracecooling.com/?lightbox=dataItem-j0l40dso heruntergeladen am 15.05.2021

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