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  • Moritz Gysi

Index 15: Do it yourself?

Immer wieder stellt sich Moritz die Frage, wie weit er es wohl in der freien Natur bringen würde. «Freie Natur», das bedeutet eine Welt ohne Zivilisation, auf sich alleine gestellt. Das tückische Gedankenspiel ergründet er für den vorliegenden Text.


Ich weiss nicht, wieso diese Frage eine solche Anziehungskraft auf mich ausübt. Ich fühle mich zuweilen fast schon ertappt, wenn ich mir ausmale, wie ich in der freien Wildnis ein Feuerchen machen oder mir eine Mahlzeit zubereiten könnte. Das Szenario ist widersinnig, wir sind doch Kultur-Wesen, denke ich dann. Demnach lebt ein Homo Sapiens nie einfach in der freien Natur, sondern immer auch in selbstgebastelten Kultur-Welten.


Doch der Gedanke hält sich hartnäckig. Vielleicht weil mir tagtäglich vor Augen geführt wird wie aufgeschmissen ich, auf mich alleine gestellt, wäre. Zum Beispiel wenn ich morgens aus dem Bett steige: Gebogene Stahlprofile bilden einen Rahmen, in welchen der Lattenrost aus Holz eingelassen ist. Das Ganze ist wiederum auf ein Gestell aus Stahl verschraubt.


Hätte ich es mir selbst gebaut, nach meinen Fähigkeiten und in der freien Natur, würde es ganz anders aussehen. Die gebogenen Stahlprofile müsste ich durch Holzelemente ersetzen. Der Lattenrost aus Holz könnte auf einfache Art nachempfinden, Schrauben und Gewinde müssten Steckverbindungen weichen. Als Werkzeug hätte ich verschieden geformte Steine und eventuell Feuer zur Verfügung. Nicht gerade ideale Bedingungen für einen effektiven Fertigungsprozess. Einfacher wäre es wohl, getrocknete Gräser (Matratze und Decke) in eine gut geschützte Ecke meines Unterschlupfes zu häufen.


Zurück zu meinem aktuellen Bettensemble und in die Zivilisation. Obwohl ein vergleichsweise simples Produkt hat dieses einige Stationen durchlaufen müssen bis aus Eisenerz, Kohle, Baumwollsträuchern, Erdöl und ein paar Gänsen eine komfortable Schlafgelegenheit wurde. Auf diesem Weg wurde es durch viele Spezialist:innen bearbeitet, die so alle auf eine Art voneinander abhängig sind. Ich bin beindruckt, wie viele Menschen exakt aufeinander abgestimmt arbeiten können, ohne die anderen Fertigungsschritte oder gar das Endprodukt zu kennen.


Der Unfall des Riesencontainerschiffs Ever Given verdeutlichte diese Vernetzung auf eindrucksvolle Art und Weise. Der Suezkanal, das Nadelöhr des Welthandels, war durch das aufgelaufene Schiff blockiert, womit unzählige Güter ihr Ziel verspätet erreichten. So führte die kurze Blockade dazu, dass ein Freund von mir beim Handykauf nur noch die weissen iPhones zur Auswahl hatte, da der Nachschub an schwarzen noch auf dem Ärmelkanal vor sich hindümpelte. Das ist natürlich eine Lappalie, doch dieser Zwischenfall wirft die Frage auf, wie krisenbeständig, wie resilient unsere Handels- und Fertigungskultur ist. In diesem Licht mischt sich meiner Faszination für diese auch ein mulmiges Gefühl bei. In solchen Momenten fühle ich mich erschlagen von der unfassbaren Komplexität industrieller Fertigung. Ich frage mich wie lange diesen Prozessen noch eine solche «Selbstverständlichkeit» anhaftet, wie sie dies heute tut.


von Moritz Gysi

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