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  • Smilla Diener

Index 14: «Hesch mer es Füür?»

Smilla untersucht das «BiC® mini», eines der meistverkauften Wegwerf-Feuerzeuge weltweit. Sie beobachtet, wie ein banaler Alltagsgegenstand Produktkategorie wechselt und fragt sich, was das für den Stellenwert des Feuerzeugs heisst.



Seit dem neunzehnten Jahrhundert ist das Feuerzeug treue Begleitung des rauchenden Individuums. Es findet Platz in den Hosen-, Jacken- oder Umhängetaschen der Tabakkonsument:innen und kommt da meist mehrfach täglich zum Gebrauch. Spätestens mit dem Zippo erreichte das Feuerzeug mit seinem zischend-knisternden Anzündgeräusch, der hellgelben Flamme, der orange glühenden Zigarettenglut und dem darauffolgenden Tabakgeruch synästhetischen Kultstatus.[1] Das Ritual des Rauchens samt seinen Artefakten ist schon lange eine nicht mehr wegzudenkende soziale Praxis.

Doch dank der Tabaksteuer, dem Erfolg von E-Zigaretten, Gesundheitskampagnen und der graduellen Verbannung der Rauchenden aus dem öffentlichen Raum, sinkt der Tabakkonsum seit Langem stetig – somit auch die Notwendigkeit für das «Füür» in unseren Jackentaschen. Ist es deshalb an der Zeit, dass das Taschenfeuerzeug den Titel ‘Alltagsprodukt’ abgibt und somit die Produktkategorie wechselt? Welche praktischen Funktionen bleiben dem Feuerzeug neben dem Rauchgut-Anzünden übrig?

Diese ersten Fragen bringen uns an den nächsten Kiosk, der wie die meisten Läden, an der Kasse eine Schachtel voll BiC-Feuerzeuge stehen hat. Zwei Franken fünfundneunzig kostet heute ein Feuerzeug von BiC[2]. Das Unternehmen produziert täglich 6 Millionen Taschenfeuerzeuge (Stand 2013[3]), wovon der Hauptanteil aus Wegwerfmodellen besteht. Das macht BiC zum grössten Produzenten von Markenfeuerzeugen weltweit.


Zigarette und Feuerzeug Hand in Hand


Dass Feuerzeuge zu einem so weit verbreiteten Alltagsprodukt wurden, ist dem Boom des Tabakkonsums im achtzehnten Jahrhundert zu verdanken: Nach dem der Tabak von den ersten westlichen Kolonialisierern nach Europa zurückgeschleppt und dessen Konsum zunächst als primitiv angesehen wurde, hat sich dieser im neunzehnten Jahrhundert in allen Bevölkerungsschichten längst etabliert.[4]

Parallel dazu entwickelten sich auch die Techniken des Anzündens. Das perkussive Feuermachen – also das Schlagen von Feuerstein auf Pyrit – wurde Anfang zwanzigstes Jahrhundert von einer synthetischen Alternative für den Zündstein überholt: Carl Auer von Welsbach erfand 1903 das Cereisen. Die nach ihm benannte Legierung wird noch heute in Billigfeuerzeugen wie dem BiC® mini verwendet.


Die explosiv wachsende Nachfrage nach Rauchwaren seit dem achtzehnten Jahrhundert schürte den Bedarf nach Feuerzeugen enorm. Etliche Firmen sprossen aus der Erde um dieses zu bedienen, wohl bekanntestes Beispiel dafür ist die Zippo Manufacturing Company in Pennsylvania, USA, im Jahr 1932.


Hauptinnovation Wegwerfbarkeit


Anders als Zippo Co. war die Firma BiC® ursprünglich nicht auf Feuerzeuge ausgelegt. Sie beschränkte sich ausschliesslich auf Wegwerf-Schreibutensilien und war in diesem Bereich marktführend. Als die Firma 1973 ihr erstes «briquet» einführte, war der Markt schon gefüllt mit allerlei Feuerzeugen. Was BiC aber entscheidend von der Konkurrenz abhob, war die Einsicht, dass beim Rauchen die Wegwerfbarkeit zum wichtigsten Faktor mutiert ist. Wer Zigaretten raucht, wirft jedes Mal einen Stummel und jedes zwanzigste Mal eine Packung weg. Das Wegwerfen wurde zu einer elementaren Handlung beim Rauchen. BiCs Feuerzeuge, die genau dazu entworfen wurden, setzten sich deshalb innert Kürze durch.[5] Dank langjähriger Erfahrung in der Produktion von Wegwerfobjekten und hohen Sicherheitsstandards gelang es BiC, international Fuss zu fassen. Seither hat BiC 30 Milliarden Feuerzeuge verkauft (Stand 2013[6]).


Das Feuer verschwindet


Dank weitgreifenden Gesundheitskampagnen ging in den letzten dreissig Jahren der Bestand an täglich Rauchenden und somit der Hauptabnehmer:innen der Taschenfeuerzeuge stetig zurück.[7] Heute umwirbt BiC nicht mehr das rauchende Individuum, sondern vermarktet seine Gadgets zum Anzünden von Geburtstagskuchenkerzen und Lagerfeuern[8] – was das Zücken des «briquet» einiges seltener verlangt. Das Feuerzeug verliert dadurch seinen primären Bezug zur:m Nutzenden, wandert von der persönlichen Jackentasche in die geteilte Küchenschublade.

Hat das Feuerzeug also an Geltung verloren? Bis vor zehn Jahren hielten wir an einem Konzert noch das Feuerzeug in die Luft, heute übernimmt auch das das Handy. Gasherde werden von Induktionsplatten abgelöst, das Cheminée im Wohnzimmer wird zum Luxus. Unser direkter Kontakt mit dem Feuer wird rarer und rarer. Was passiert, wenn dann nicht einmal mehr geraucht wird? Verlernen wir dann den «chute de pouce», die Bedienung des Reibrads mit Kindersicherung? Ähnlich, wie die Generation nach der Ära des Fingerlochscheiben-Telefons dieses nicht mehr bedienen kann?


Ein alltäglicher Gegenstand


Wahrscheinlich nicht. Oder zumindest noch lange nicht. Das BiC® mini wurde in erster Linie durch seine Kurzlebigkeit und seine Vermarktung als Lösung für jegliche Gelegenheit zum Alltagsgegenstand. Dass diese Gelegenheiten aber rarer und rarer werden, ist klar ersichtlich. Doch obwohl sich der Zigarettenkonsum pro Schweizer Kopf in den letzten Jahren fast halbiert hat und Küchenfeuerzeuge das Taschenfeuerzeug zum Anzünden von Gasherden und Geburtstagskerzen abgelöst haben, verzeichnen jüngste Umfragen wieder mehr Rauchende, insbesondere bei Jugendlichen.[9] Ob dies nun als kurzlebiger Anachronismus in einer Zeit des Gesundheitswahns zu lesen ist oder uns doch bestätigt, dass die Tabakkultur noch nicht gleich aussterben wird, wird sich zeigen.


Fakt ist, dass das BiC® langsam verschwindet. Wo man bis vor ein paar Jahren unbekümmert «Hat mir mal jemand kurz Feuer?» in die Runde fragen konnte und direkt eines in die Hand gedrückt bekam, ist man heute oft einiges länger auf der Suche. Das zeigt, dass auch ein Produkt, das den Gipfel der Verhältnisoptimierung zwischen Aufwand und Leistung verkörpert, kein Universalobjekt ist. Auch das BiC® mini ist ein Kind seiner Zeit. Und es muss seinen Status als Alltagsprodukt mehr und mehr aufgeben.



Das BiC® mini Taschenfeuerzeug ist 62 mm hoch, 22 mm breit und 11 mm tief. Optisch lässt es sich in vier Elemente unterteilen: Den einfarbigen Kunststoff-Mantel, auf den am unteren Ende der weisse Boden, am oberen Ende die rote Gabel und das silberne Stahlgehäuse und Reibrad gesteckt ist.

Taktil heben sich Reibrad und der Rand der Gabel, mit scharfkantigeren und raueren Oberflächen als der Rest, vom Objekt ab. Beim Drehen des Reibrads durch Druck mit Daumen schürft dieses am Cereisen-Stift unter dem Rad und generiert so Funken, die das Isobutan im Innern des Kunststoffkörpers entzünden, sobald der Daumen auf der roten Gabel landet und so das Brennerventil öffnet. Solange der Daumen die Gabel runtergedrückt hält, bleibt die Flamme bestehen. Hier agiert das Metallgehäuse als Windschutz, in dem es das Ende des Ventils und den Flammenkern umhüllt.


von Smilla Diener


[1] Van Weert, Ad: Faszinierende Feuerzeuge. Die Geschichte des Feuerzeugs/Vom Schwefelhölzchen zum Designobjekt. Wormer/Nuenen 1995 [2] Eigene Recherche im K-Kiosk und Avec am Zürich HB und am K-Kiosk im Bahnhof Bern. Preis eines BiC® mini. Stand 10.1.20 [3] Aussage von BiC® in Video, siehe Literaturverzeichnis für weitere Angaben [4] Markwardt, Nils: Die letzte Zigarette. Erschienen im «Philosophie Magazin», 02/2019, S. 38-43 [5] Fletcher, Alan: Phaidon Design Classics Vol. 3. London 2006, S. 766 [6] Aussage von BiC® in Video, siehe Literaturverzeichnis für weitere Angaben [7] Bundesamt für Statistik: Tabak, Tabakkonsum (Stand 2018) https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/determinanten/tabak.html (8.1.20) [8] Siehe Video: 75 Years of BIC: https://www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=ePrI9oYTA8E, bei 1:08 (8.1.20) [9] Imbach, Florian: Trendwende in der Schweiz: Junge rauchen wieder mehr, 11.11.2015 https://www.srf.ch/news/schweiz/trendwende-in-der-schweiz-junge-rauchen-wieder-mehr (8.1.20)

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